Das Ensemble

Man müßte sie eigentlich ich einer noblen Hotelbar fotografieren: Ein paar exquisite Drinks, sündhaft teure Zigarre, ein bißchen James-Bond-Flair. Denn die fünf Herren haben Stil. "Quintonic". Spezialität des Hauses. Star des Abends. Schillernd. Gleißend. Mit Esprit. Spot an. Licht aus. Erwartungsvolle Stille.
Das Ensemble Was dann passiert, läßt sich so genau gar nicht vorhersagen. Außer vielleicht, daß es das gewisse "Etwas" haben wird. Und gut sein wird. Spannend gemixt und prickelnd gespielt. "Quin-tonic" eben. Let them entertain you. Und genieße erst-klassik-e Klassik. Smart. Mit Drive. Cool. "Quintonic" eben. Keine peniblen Akademiker mit dem Hang zum keimfreien Noten-Werk. Keine quirligen Musik-Clowns, die die Akrobatik von den Ventilmaschinen ins Comedy-Repertoire verlagern. Schon irgendwie Kammermusiker, die sich nicht in den Party-Sparten des Repertoires den Dispens vom sauberen Spielen holen wollen. Stattdessen legen sich die Herren schon mal partiturgetreu virtuose Orchester-Schinken des späten 19. Jahrhunderts auf die Pulte. Schwere. So virtuose und komplexe, daß man sie gemeinhin mit einem Blechbläserquintett ungefähr so eng in Verbindung bringen würde wie ein Spiegelei oder eine Straßenlampe.
ufa-quintonic Wer "Quintonic" heißt, der hat natürlich nicht nur ein ganzes Sinfonieorchester mit einer Prise Wagner und einer großen Portion Saint-Saëns in den fünf Instrumentenkoffern, sondern auch die richtige Dosis musikalischen Lifestyle, um im Revue-Palast des Lebens bestehen zu können. Big-Band? Caféhausorchester? UFA-Film? Haben wir. Darf's ein bißchen mehr sein? Die Regale sind voll. Und die Auswahl klasse.

Keine philharmonische Narrenkappe auf dem Kopf, aber trotzdem witzig? Irgendwie schon. Schon sehr. Charme haben sie ja sowieso (Herren! Aufgepaßt, wenn die Damen "nur mal eben ins Konzert" wollen - am eigenen Imageschaden werden Sie wochenlang zu kauen haben), und richtig spaßig werden kann's auch. Also, mit Lachen, versteht sich. Nicht bloß mit zurückhaltendem Genießerkichern.

So, und jetzt stehen unsere fünf Herren also an der Bar. Was werden sie bestellen? "Monteverdi on the Rocks", ordert Jan. Eine schlanke, durchsichtige Mischung aus dem Italien des jahres 1607. Eine glänzende Wahl. Straight und federnd. Flüssiges Hors d' Euvre zur Marien-Vesper gewissermaßen.

Albert ordert sodenn bereits den ersten Hauptgang, ab ins Fünf-Blechsterne-Restaurant: "Steak á la Richard Bayreuthienne", medium. Wieso eigentlich nicht "well done"? Na ja: Eben noch so richtig im Saft. 5-quintonicMuß ja schließlich auch sein, denn die Partituren von "Tannhäuser" und "Lohengrin", das ist ja Wagner in seinen besten Jahren (im Durchschnittsalter von "Quintonic"...), und zur bewährten Zubereitung bedarf es eben genau so viel Delikatesse wie den Hang zum Durchgreifen, den man fünf gestandenen Blechbläsern ja kaum absprechen wird.

Der Feinschmecker des Quintetts zeigt sich zufrieden, der Garcôn trägt besten Mutes den zweiten Hauptgang auf, von Michael neugierig geordert: Die Platte der 14 Kostbarkeiten. Vom chinesischen Küchenchef Kam Il Seng Song zubereitet, und zwar perfekt. Die Karte ist natürlich auf Französisch abgefaßt: "Les Carnival des Animaux, Camille Saint-Saens", heißt das Ganze da. Es sind die filigransten Köstlichkeiten aus fünf messingenen Spezialitätentöpfen der Blech-Küche, die das kristalline Partitur-Kochbuch von anno 1886 mit gerade mal einer Hand voll von Zutaten zu so lockerem wie charakterstarkem Klingen bringen. Perfekt abgeschmeckt. Für Gourmets eben.

Thomas ist noch nicht satt. Noch nicht mal für den Nachtisch bereit. Da muß noch was her, was mit Schmackes, aber nicht zu roh, vielleicht ein bißchen flambiert, ja, und was Spaß macht... Na ja. Der Küchenchef indes, alles andere als ratlos, hebt die Silberglocke über der "52nd Street"-Platte. Waow! Alles da. Geschmackvoll und trotzdem mit musikalischem Gaumenkitzel. Mit Drive, aber würzig. Erste Sahne. Ein fulminantes Finale für die Hauptgänge.

Das Dessert musicale wurde, zugegebenermaßen, vorbestellt. Es ist nämlich nach altem Familienrezept der berühmten Blechbläserfamilie Bauer in München zubereitet, das Matthias großmütig der Küche des Hauses zur Verfügung gestellt hat. quintonic Es hat ein feines Wiener Finish, aber weniger so richtig satten Schlagobers, sondern einen Hauch von Caféhausduft obendrauf.Und schmeckt so richtig herrlich nach den Goldenen Zwanzigern. Grüner Kaktus mit Vanillesauce. Ein Häppchen für die Elisabeth mit den schönen Beinen, eines für den Hans, der da mit dem Knie, na ja, und vor allem eins für einen Freund, einen guten Freund: Denn der ist das beste, was es gibt auf der Welt. Köstlichkeiten, die man aus Schwarzweißfilm und Grammophontrichter kennt.

Und wenn der letzte Ton verklingt, und wir den Tonarm abnehmen und auf die Stütze legen, wird uns bewußt, daß wir zwar alles hatten, was wir wollten, aber es morgen gleich wieder genießen könnten.

Einen "Quintonic" bitte! Oder besser gleich fünf...

Ralph Philipp Ziegler